Parasites – amélie samson Die störende wirkung der geräusche widerspiegeln, die uns umgeben

Foto 1: Nahaufnahme einer rosa Silikonform, die auf einer Arbeitsfläche platziert ist
Foto 2: Auf einer Arbeitsfläche platziert und von Geräten umgeben, strahlt eine schillernde Silikonform ein rosa-lila Licht aus.
Foto 3: Eine Frau (außerhalb des Bildausschnitts) hält in ihrer linken Hand eine Gussform und in ihrer rechten Hand eine Silikonform.
Foto 1: Nahaufnahme einer rosa Silikonform, die auf einer Arbeitsfläche platziert ist
Foto 2: Auf einer Arbeitsfläche platziert und von Geräten umgeben, strahlt eine schillernde Silikonform ein rosa-lila Licht aus.
© foto 1: Amélie Samson / foto 2: Nathan Roux / foto 3: Nathan Roux © foto 1: Amélie Samson / foto 2: Nathan Roux

Kofinanziert von der EU im Rahmen des Projekts GRACE – Interreg VI Großregion

Residenzen in den Rotondes zu veranstalten, bedeutet nicht nur, Künstler:innen optimale Arbeitsbedingungen zu bieten. Es bedeutet auch, die Entwicklung ihres Projekts in Echtzeit miterleben zu dürfen.

Im vergangenen Dezember kam Amélie Samson, Preisträgerin des Multiplica-Stipendiums und ausgewählte Künstlerin für die grenzüberschreitenden Residenz (organisiert von den Rotondes, der Stadt Metz und Bliiida), mit einem gut gefüllten Zeitplan bei uns an. Innerhalb von zwei Wochen validierte sie im Vorfeld ausgearbeitete Prozesse, testete ein neues Silikon, nahm mit Schüler:innen des Lycée de Bonnevoie Tonmaterial auf und startete eine Zusammenarbeit mit einem Luxemburger Musiker – alles Arbeitsschritte, die durch den Rahmen der Residenz erleichtert wurden. Umgeben von ihren Kreaturen, die sich noch in der Metamorphose befinden, hat sie sich in diesem ganzen Gewusel die Zeit genommen, mit uns Bilanz zu ziehen.

Amélie, du bist mit sehr konkreten Dingen in die Rotondes gekommen. Können wir kurz zurückblicken, um zu erfahren, wie Parasites entstanden ist?

Amélie Samson: Im Rahmen meines Masters [Diplôme National Supérieur d’Expression Plastique an der ESAD von Orléans, Anm. d. Red.] habe ich mich mit dem Thema Aufmerksamkeit befasst, und das ist mir mehrere Jahre lang im Hinterkopf geblieben. Ich habe mich auch mehrmals mit dem beschäftigt, was ich als Datenskulptur” bezeichnet habe, also der Verwendung von Daten, um Formen zu schaffen, ohne dass es sich um Datenvisualisierung handelt. Anhand der Datenskulptur kann man abstrakte Dinge verkörpern“, sie sichtbar machen, und das spricht die Menschen sofort mehr an. Eines Tages stieß ich auf Sonogramme, eine Form der Visualisierung von Tönen, und sie erinnerten mich an Muster, die man auch in Lebewesen finden kann.

Die Idee zu Parasites kam mir vor einem Jahr und kurz darauf hatte ich das Glück, zu der Auswahl an Künstlern zu zählen, die 2024/25 in den Yvelines in einem Kunstzentrum namens Château éphémère aufgenommen wurden. Als ich in dieser ersten Residenz ankam, hatte ich nur eine einzige Idee im Kopf und war mir noch nicht einmal sicher, ob sie umsetzbar war. Meine Residenz dauerte einen Monat und hat mir erlaubt, mich mit verschiedenen Fragen auseinanderzusetzen. Wenn ich 3D-Druckformen aus Bildern von Geräuschen herstelle, die ich aufgenommen habe, entspricht das Ergebnis dann meinen Vorstellungen? Kann man Silikon gießen, ohne dass es ausläuft? Luft kontrollieren, um diese Kreaturen in Bewegung zu versetzen? All das konnte ich überprüfen und bestätigen.

Mein Ziel für diese neue Residenz in den Rotondes umfasst mehrere Baustellen“, damit ich am Ende eine möglichst saubere” Version der Installation präsentieren kann. Ich habe die Verfahren überprüft, die ich wiederverwenden werde, um die Endprodukte zu erzeugen. Ich habe die Bewegungen bestimmt, die ich erschaffen möchte, sowie drei verschiedene Skelette, deren Struktur zu diesen Bewegungen passt. Ich habe auch herausgefunden, welches Erscheinungsbild ich den Kreaturen geben möchte. Für die Haut habe ich Tests mit einem neuen Produkt durchgeführt, die ziemlich überzeugend waren, denn ich konnte damit schneller arbeiten und erzielte eine festere Haut. Es härtet jedoch viel schneller aus, sodass die Arbeit mit den Farben weniger gut verläuft.

Diese ganze plastische Arbeit ist aber nur die Spitze des Eisbergs, denn zunächst muss an den Klängen gearbeitet werden.

A.: Alles baut auf den Tonaufnahmen auf. Aus ihnen ergibt sich alles andere: Ich gehe von Sonogrammen aus, um die Texturen der Wesen zu schaffen, die ich anhand von 3D-Drucken forme. 

Zunächst habe ich selbst einiges aufgenommen, ich wollte aber interessantere Aufnahmen. Für diese Residenz habe ich deshalb vorgeschlagen, mit einem jüngeren Publikum zu arbeiten, das besonders von den Themen betroffen ist, mit denen ich mich in diesem Projekt befasse: Aufmerksamkeit, Einsatz digitaler Technologien und die Art und Weise, wie sie unsere Aufmerksamkeit zerstreuen können.

Wir werden einen Workshop in einem Gymnasium organisieren, um von allen Geräten, die wir tagtäglich benutzen, so viele verschiedene Geräusche wie möglich aufzuzeichnen. Dazu zählen natürlich Smartphones und Computer, aber auch Kaffeemaschinen, Automaten, alle Geräte, die kleine Piepstöne von sich geben, sobald man darauf drückt, und die Teil dieser Klanglandschaft sind, die uns täglich umgibt. Diese Aufzeichnungen werden ebenfalls dazu dienen, eine klangliche Begleitung für diese Installation zu komponieren.

Dafür wirst du sogar mit einem luxemburgischen Künstler zusammenarbeiten.

A.: Genau, Sam Reinard [luxemburgischer Elektrokünstler, bekannt unter dem Namen Ryvage, Anm. d. Red.] wurde mir von den Rotondes empfohlen, er hat sofort verstanden, was ich erreichen wollte. Das Thema hat ihn auch persönlich sehr angesprochen. Er hat mir von seinen Erfahrungen in Großraumbüros berichtet, die ganz einfach einer akustischen Hölle gleichkommen. Wenn ich selbst hätte suchen müssen, hätte ich bestimmt auch jemanden gefunden, wohl kaum aber eine Person, die so gut zu dem passt, was ich machen möchte.

Solche Begegnungen sind einer der Vorteile einer Residenz, nicht wahr?

A.: Es gibt da diesen Mythos vom einsamen, inspirierten Künstler:innen, ich kann mich damit aber überhaupt nicht identifizieren. Bei Projekten kommt man mit seinen Recherchen nur dank der Interaktionen voran, die während der Schaffensphase stattfinden. Ich tausche mich hier viel mit Victor und Benjamin aus [vom Kollektiv Minuit 47, dem anderen Preisträger-Duo der Residenz und des Multiplica-Stipendiums, Anm. d. Red.]. Ich versuche, von jedem, der vorbeikommt, eine Meinung zu den Farben, den Texturen und der Größe der Röhren einzuholen. Mich auf meine eigene Meinung zu beschränken, reicht mir nicht. Es ist wichtig, offen zu bleiben und zu diskutieren.

Und konkret verfüge ich in meinem persönlichen Atelier nicht über die nötige Ausrüstung, um alles machen zu können, was ich hier mache. Es ist schon Luxus, eine ganze Woche lang an Klängen und Formen arbeiten zu können und parallel dazu in einem anderen Raum mit chemischen Produkten zu arbeiten, Mischungen herzustellen, Farben direkt unter UV-Licht aufzutragen und sie ohne Angst vor Staub trocknen zu lassen. Das sind Arbeitsbedingungen, zu denen ich normalerweise keinen Zugang habe oder die mich sehr viel Geld kosten würden. Ich stünde immer unter Zeitdruck, wenn ich einen Raum mieten müsste, während ich hier viel entspannter sein kann.

Um auf Parasites zurückzukommen, sie verleihen den Geräuschen, die uns umgeben und unsere Aufmerksamkeit beeinträchtigen, Materialität. Die Form, die du dafür ausgewählt hast, ist nicht harmlos, sondern wirkt beängstigend.

A.: Diese Ästhetik soll Ekel hervorrufen. Es geht mir darum, Unbehagen und Neugierde hervorzurufen. Wenn die Leute etwas sehen, das sich bewegt, das lebendig scheint, sind sie viel neugieriger als bei einer Grafik an einer Wand.

Ich habe übrigens zwei Versionen dieser Kreaturen hergestellt, da sich nicht jeder von derselben Art von Ästhetik angesprochen fühlt. Manche werden sich vor ihrem Fleisch ekeln, das in der Tagesversion gut zu sehen ist. Andere, die sich vor giftigen Organismen fürchten, werden eher auf die fluoreszierenden Farben der Nachtversion reagieren,

Meine Aussage ist natürlich tendenziös: Geräusche sind keine schöne Musik, die uns im Alltag begleitet, sie stören. Um dies auszudrücken, habe ich mich bewusst für eine verstörende Ästhetik entschieden.