Aura – minuit 47 Den menschen ein völlig neues kollektives musikerlebnis bieten

Foto 1: Von hinten gesehen schaut ein Kind auf einen Mann, der seine linke Hand hebt und einen daran befestigten schwarzen Handschuh trägt.
Foto 2: Ein Sensor wird an einen unbedeckten Arm angelegt, die Finger der Hand schließen sich.
Foto 3: Elektronische Geräte werden auf einer Arbeitsfläche ausgelegt.
Foto 1: Von hinten gesehen schaut ein Kind auf einen Mann, der seine linke Hand hebt und einen daran befestigten schwarzen Handschuh trägt.
Foto 2: Ein Sensor wird an einen unbedeckten Arm angelegt, die Finger der Hand schließen sich.
© foto 1: Yves Conrardy / foto 2: Nathan Roux / foto 3: Nathan Roux © foto 1: Yves Conrardy / foto 2: Nathan Roux

Kofinanziert von der EU im Rahmen des Projekts GRACE – Interreg VI Großregion

Residenzen in den Rotondes zu veranstalten, bedeutet nicht nur, Künstler:innen optimale Arbeitsbedingungen zu bieten. Es bedeutet auch, die Entwicklung ihres Projekts in Echtzeit miterleben zu dürfen.

Im vergangenen Dezember bezog Minuit 47, das Gewinnerduo des Multiplica-Stipendiums das für die grenzüberschreitenden Residenz ausgewählt wurde (organisiert von den Rotondes, der Stadt Metz und Bliiida) unsere Black Box, um sich hier zwei Wochen lang Recherchen und Begegnungen rund um das Projekt AURAAccessible Unified Responsive Audio zu widmen. Im Fokus ihrer Arbeit stand dabei für Benjamin Gabriel und Victor Paredes neben dem technologischen Aspekt auch die künftige Nutzung ihres modularen Musik-Tools. Bevor sie ihr ganzes Material wieder eingepackt haben, haben wir sie ein letztes Mal besucht.

Benjamin, wenn wir uns nicht irren, stammt die ursprüngliche Idee für AURA von dir. Ging sie aus einer konkreten Beobachtung hervor?

Benjamin: Ja, ich habe in einer Einrichtung für Menschen mit Behinderungen gearbeitet und mit ihnen auf klassischen Instrumenten wie dem Klavier Musik gemacht, was eine ziemlich gute Motorik und viel Zeit erfordert. Ich fand es schade, dass Menschen, die weder über ausreichend Feinmotorik noch Geduld verfügen, von dieser Praxis ausgeschlossen waren. Ich habe also angefangen, mir Spiele und musikalische Experimentiermöglichkeiten auszudenken, die alle miteinbeziehen könnten. 

Und da begann ich, verschiedene Arten von Sensoren in Betracht zu ziehen. Ich habe lange recherchiert, um herauszufinden, was es bereits gab, und mich dann mit dem Ircam, dem Forschungsinstitut für Akustik/​Musik, in Verbindung gesetzt. Der Leiter des Bereichs Bewegung und Klang, Frédéric Bevilacqua, hat mich mit Victor in Kontakt gebracht.

Dann hast du, Victor, also den technologischen Aspekt des Projekts in die Hand genommen.

V.: Ich habe fünf Jahre lang mit Frédéric an einer Dissertation über die Interaktion zwischen Bewegung und Klang gearbeitet. In diesem Rahmen habe ich Bewegungssensoren für künstlerische Kreationen eingesetzt. Trotz meiner Kenntnisse und Fähigkeiten im Bereich der angewandten Technik in der Musikwelt und obwohl ich bereits vier Jahre lang daran gearbeitet habe, sind das Dinge, deren Entwicklung Zeit braucht, und man weiß letztendlich nie, was wirklich funktionieren wird. Am besten fängt man immer mit Dingen an, die man beherrscht. Bei AURA benutze ich Technologien, die ich beherrsche – oder zu beherrschen glaubte – aber in einem Zusammenhang, der mich anders als die Forschung stimuliert, und so konnten auch andere Lösungen entstehen. Ich habe zum Beispiel zum ersten Mal Sensoren in einen Ball eingebaut! Wir haben es geschafft, in nur zwei Wochen sehr weit zu kommen.

Die Rotondes haben Begegnungen mit Testgruppen“ organisiert. Sie fanden ziemlich früh während des Residenzaufenthaltes statt. Wart ihr schon bereit?

B.: Die Workshops fanden bereits nach acht Tagen statt. Wir haben vorher vieles ausprobiert und uns auf das konzentriert, was am besten funktionierte. Wir sollten von 10-jährigen Kindern mit Autismus-Spektrum-Störungen umgeben sein, also wollten wir ihnen etwas Solides und Zuverlässiges präsentieren, um keine Frustration aufkommen zu lassen.

V.: Angekommen sind wir mit fünf Sensortechnologien. Letztendlich benutzt haben wir davon nur zwei, mit denen wir mehrere Geräte entwickelt haben. Die Technologie ist dieselbe, aber die Tools bieten unterschiedliche Interaktionen, die unterschiedliche Töne erzeugen.

B.: Man kann einen Sensor in einen Ball einsetzen und dafür sorgen, dass er bestimmte Töne erzeugt, sobald man den Ball berührt, ihn auffängt oder wirft. Man kann auch mit Sensoren arbeiten, die um den Knöchel herum angebracht werden und dann die erfassten Schritte in etwas Musikalisches verwandeln. Das sind sehr vielseitige Sensoren.

V.: Sie sind tragbar, batteriebetrieben und senden alle Informationen per WLAN. Sie nehmen wenig Platz ein, deshalb können wir sie in alles Mögliche einbauen.

Haben die Begegnungen mit den Kindern euch dazu gebracht, eure Ideen zu kanalisieren, und zum Beispiel eine spielerischere Richtung einzuschlagen?

B.: Wir haben besonders darauf geachtet, alltägliche Gegenstände zu benutzen, deren Verwendung sofort klar ist, wie zum Beispiel einen Ball, am liebsten aus Schaumstoff, damit es ungefährlich ist und man keine Angst vor Beschädigung hat. Wir haben auch versucht, den technologischen Aspekt etwas außen vor zu lassen. Wir haben trotzdem einen Handschuh mit Streifen entwickelt, die die Beugung des Fingergelenks erfassen, denn innerhalb einer Woche ist es schwierig, einen Gegenstand zu entwickeln, der robust und schön ist und nicht technologisch aussieht. Für die Kinder haben wir die Interaktion mit dem Handschuh vereinfacht: Sie mussten einfach nur die Hand öffnen und schließen. Zwei Tage später habe wir Jugendliche getroffen, bei ihnen war jeder einzelne Finger unabhängig und stellte einen Teil eines Schlagzeugs dar. Das Gerät kann ein breites Spektrum ansprechen, es reicht, die Interaktion je nach Profil des Publikums einfacher oder komplexer zu gestalten.

V.: Die Technologie bleibt einfach. Bei der Anwendung geht man von etwas sehr Einfachem, etwa dem Ball, zu etwas Komplizierterem über, zum Beispiel dem Handschuh, der mehr Übung erfordert. Wir denken, dass jeder irgendwo in diesem Spektrum zu finden ist. Was zählt ist vor allem, zuzuhören, was die Person tun möchte, mit welchen Gegenständen sie sich wohlfühlt und eine Verbindung aufbauen könnte, die sie dazu bringt, in der Praxis noch einen Schritt weiterzugehen. Durch die Workshops haben wir festgestellt, dass es vor allem um die Verwendung von Tools und um den Aufbau des Workshops geht, und weniger um den Entwurf technologischer Geräte. Wir schränken uns nicht ein in dem, was möglich wäre. Im Gegenteil, wir öffnen neue Felder.

Angesichts der möglichen Anwendungen hat das Projekt potenziell kein Ende.

B.: Nächstes Jahr besuchen wir eine Einrichtung mit Menschen, die sehr unterschiedliche Behinderungen haben. Wir werden ihnen Gegenstände präsentieren, mit ihnen Musik machen und uns bei der gemeinsamen Entwicklung gegenseitig austauschen. Die Workshops werden von zwei Forschungseinheiten begleitet. Wir werden die Vorrichtungen im Laufe des Jahres anpassen, um etwas zu schaffen, das für die und von den betroffenen Menschen konzipiert ist, damit das Objekt nicht schnell in Vergessenheit gerät. Dann überlassen wir ihnen das Objekt, denn die Idee ist, dass auch andere Künstler:innen kommen und sie in Workshops nach ihren eigenen Vorstellungen benutzen können. So haben wir ein Instrument entwickelt, das eine Verbindung zwischen Künstler:innen und Menschen, die keinen Zugang zur Kultur haben, schafft. Dieser Aspekt ist ein wesentlicher Bestandteil des Projekts AURA.

V.: Gleichzeitig denken wir auch über Open-Source-Lösungen nach. Aber nur weil wir Dinge kostenlos online zugänglich machen, heißt das nicht, dass sie ihr Publikum finden. Wir müssten sie auch selbst verbreiten und deshalb genau definieren, was AURA eigentlich ist. Sind es nur Gegenstände? Ist es eine Methode? Wo kann es eingesetzt werden? Und umgekehrt, was kann es nicht leisten?

Um dieses Potenzial auszuschöpfen, denkt ihr daran, mit anderen Personen zusammenzuarbeiten, Menschen, die Erfahrung in den jeweils möglichen Anwendungen haben?

B.: Genau das habe ich von Anfang an gemacht, indem ich verschiedene Stellen kontaktiert habe. Mit Psycholog:innen stehe ich in Kontakt, um die Wirkungen von AURA auf verschiedene Profile zu untersuchen, mit Psychomotoriker:innen befasse ich mich mit dem Aspekt der Rehabilitation.

V.: In dieser Phase des Projekts denken wir an alle Berufsgruppen, mit denen wir bereits jetzt sehr gerne zusammenarbeiten würden, sei es im Bereich Design oder Pädagogik. Wir denken auch darüber nach, wen wir für die Fortsetzung der Residenz in Metz gerne einladen würden. Wir müssen unsere Bedürfnisse priorisieren und uns schnell entscheiden. Meiner Meinung nach wird der gesellschaftliche Nutzen des Tools die Leute motivieren, zu uns zu kommen.

Vor Metz wird noch Ende Februar in den Rotondes die Vorstellung einer Arbeitsetappe im Rahmen von Multiplica Lab stattfinden. Was erwartet uns da?

B.: Die Schaffung einer kollektiven Erfahrung entspricht ganz meiner ursprünglichen Grundidee für AURA. Es gibt viele verschiedene Varianten des Projekts. Für Multiplica Lab, müssen wir noch entscheiden, ob wir eine große öffentliche Veranstaltung oder Workshops mit kleineren Gruppen organisieren möchten. In der Zwischenzeit werden wir weiter an der Entwicklung anderer Technologien arbeiten, wie z. B. einem sensorischen Teppich, sodass wir vielleicht mehr zu präsentieren haben als heute.

V.: Sobald das Format entschieden ist, werden wir uns darum bemühen, dass die Menschen nach ihrem Besuch im Multiplica Lab sagen, dass sie eine bislang einmalige musikalische Erfahrung gemacht haben, und dies dank gemeinschaftlicher Spiele und Technologien, die Grenzen aufheben und es ermöglichen, auf eine andere, kollektive Art und Weise Musik zu machen, unabhängig vom musikalischen Kenntnisstand.